Apr

23

Rohrmoser: Offener Brief an BM Berlakovich

rohrmoserBetreff: Offener Brief zur Nachbesetzung der Leitungsfunktion der BA fĂŒr Bergbauernfragen.

Ungelöster Konflikt zwischen Innovation und bestehendem Agrarsystem.


Sehr geehrter Herr Minister Dipl. Ing. Berlakovich!

Die mittlerweile 30-jĂ€hrige Geschichte der Bundesanstalt fĂŒr Bergbauernfragen ist seit ihrem Beginn begleitet von einem ungelöstem Konflikt: Die innovative und oft unbequeme Arbeitsweise der Anstalt ist vielen beharrenden Vertretern im Agrarsystem sozusagen ein „Dorn im Auge“. Wird nun, Herr Minister, von Ihnen der sensible Punkt der Nachbesetzung der Leitungsfunktion in der Bundesanstalt dazu benutzt, um diese unbequeme, aber sehr produktive Gruppe von Querdenkern/innen zum Einlenken und zum Schweigen zu bringen?

Herr Minister, ich gehe davon aus, dass Ihnen die Tragweite des hier angesprochenen Konfliktes bisher nicht bewusst ist oder, dass Sie bei dieser Entscheidung von schlechten Beratern umgeben sind. Die Bundesanstalt ist seit Jahrzehnten zu einer der wichtigsten innovativen Vermittlungsstelle fĂŒr den lĂ€ndlichen Raum geworden. Wenn Sie die eigenstĂ€ndige Arbeitsform der Gruppe beschĂ€digen, werden Sie als innovationsfeindlichster Umweltminister in die Geschichte eingehen. Warum ich dies so deutlich ausspreche, will ich hier gerne begrĂŒnden.

Einer Ihrer VorgĂ€nger als Landwirtschaftsminister, nĂ€mlich GĂŒnter Haiden hat 1979 das Institut fĂŒr Bergbauernfragen, spĂ€ter BA fĂŒr Bergbauernfragen, ins Leben gerufen. Es war damals schon eine Forderung der Zivilgesellschaft, konkret der Wunsch der Österreichischen Bergbauernvereinigung,  als deren GeschĂ€ftsfĂŒhrer ich damals mit Minister GĂŒnter Haiden die Einrichtung einer speziellen Bergbauernforschung verhandelte. In den ganzen folgenden 30 Jahren hat die Bundesanstalt unter ihrem bisherigen, energischen Leiter Josef Krammer zum einem die international anerkannte, fundierte Forschungsarbeit aufbaut, sie hat zum anderem die begonnene Grundbeziehung  zu zivilgesellschaftlichen, innovativen Gruppen aufrechterhalten und ausgebaut. Damit entstand ein produktives Netzwerk, das nicht mehr wegzudenken ist und darin entstanden und gedeihen seither unzĂ€hlige Erneuerungen im lĂ€ndlichen Raum. Da die Anstalt formell dem Lebensministerium zugeordnet ist, kann sie auch gut zwischen Gruppen an der Basis und den Behörden sowie der Wissenschaft vermitteln. Sie wurde zur Drehscheibe und Vermittlungsstelle fĂŒr die zivilgesellschaftlichen, innovativen Gruppen im ganzen Land.

Kluge Politiker wissen, dass eine gelungene BewĂ€ltigung der aktuellen, großen Herausforderungen  wesentlich davon abhĂ€ngt, ob es gelingt, dass Regierungen und ihre Verwaltung produktiv mit den innovativen KrĂ€ften aus der Zivilgesellschaft an der Basis zusammenarbeiten, um gemeinsame Lösungen zu finden. So gesehen ist die Bundesanstalt  eine wichtige „Vermittlungsstelle“ zur konkreten Problemlösung. Herr Minister, diese Anstalt verdient und braucht Ihren persönlichen Schutz und Sie selber brauchen diese Gruppe mit „eigenstĂ€ndigen Querdenkern/innen“ fĂŒr Ihre politische Problemlösung. Daher braucht die Anstalt auch fĂŒr die Zukunft eine eigenstĂ€ndige Leitung, die aus der Gruppe selber im konkreten Prozess gewachsen ist. Und die Gruppe hat sich in diesem Entwicklungsprozess fĂŒr den bisherigen Leitungsstellvertreter Thomas Dax entschieden.  Mit einer von außen eingesetzten oder aufgezwungenen Leitung kann die Gruppe weder intern kreativ weiterarbeiten, noch ihre innovative Vermittlungsarbeit nach außen fortsetzen.

Abschließend, Herr Minister, noch ein offeneres Wort zum oben erwĂ€hnten ungelösten Konflikt zwischen Innovation und bestehendem Agrarsystem. Ich gehöre persönlich zu jenen Gruppen der Zivilgesellschaft, die sich jahrelang abrackerten, um Innovationen im LĂ€ndlichen Raum voranzubringen. Wir setzten uns z. B. bereits vor 30 Jahren ein fĂŒr bessere, direkte  Beziehungen zwischen Bauern und Konsumenten, fĂŒr Biolandbau, fĂŒr erneuerbare Energie etc., alles Bereiche die hohe AktualitĂ€t erlangten. Wir wurden dabei viel beschimpft, belĂ€chelt und auch gekrĂ€nkt von innovationsfeindlichen Vertretern des Agrarsystems, insbesondere von BauernbundfunktionĂ€ren. Aber gerade jene FunktionĂ€re im Agrarsystem, die uns und unsere Projekte bekĂ€mpften, haben dann spĂ€ter alle diese Innovativen und Entwicklungen selber auf ihre eigenen Fahnen geheftet. Viele von uns könnten ein ganzes Buch ĂŒber solche „aufreibenden KĂ€mpfe“ schreiben. Dies ist der alte, unausgetragene Konflikt, der dringend einmal bearbeitet werden muss, um innovative KrĂ€fte im Land fĂŒr die Zukunft zu schĂŒtzen. Genau dieser ungelöste Konflikt bildet auch jetzt im Hintergrund das Problem bei der Neubesetzung der Leitung in der Bundesanstalt.

Herrn Minister Berlakovich, greifen Sie als Regierungsmitglied mutig und produktiv in diesen „ungelösten Konflikt“ ein, indem Sie die innovativen KrĂ€fte in unserem Land – insbesondere die Bundesanstalt fĂŒr Bergbauernfragen – in ihrer EigenstĂ€ndigkeit fördern und schĂŒtzen.


Mit freundlichen GrĂŒssen


Franz Rohrmoser



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